„Ich habe doch gespart – warum reicht es trotzdem für weniger?“ Diese Frage höre ich oft, meist mit einem Kontoauszug in der Hand, auf dem die Zahl sogar gewachsen ist. Die Antwort steckt in drei Begriffen: Inflation, Zins und Realzins. Hier die Rechenlogik dahinter – ganz ohne Empfehlung, was du mit deinem Geld tun sollst.

Was Inflation ist – und wie sie gemessen wird

Inflation heißt: Die Preise steigen, und für denselben Geldschein bekommst du weniger. Gemessen wird das vom Statistischen Bundesamt (Destatis) mit dem Verbraucherpreisindex (VPI). Dafür gibt es einen gedachten Warenkorb: Hunderte Dinge, die ein durchschnittlicher Haushalt kauft – Brot, Miete, Strom, Benzin, Friseur, Handyvertrag. Jeden Monat werden die Preise verglichen. Steigt der Warenkorb insgesamt um 3 %, liegt die Inflation bei 3 %.

Wichtig: Dein persönlicher Warenkorb kann anders aussehen. Wer viel Auto fährt, spürt teures Benzin stärker als jemand ohne Auto.

Aktueller Stand: Für September 2026 meldet Destatis eine Inflationsrate von 3,3 % gegenüber dem Vorjahresmonat – der höchste Wert seit Dezember 2023. Haupttreiber war Energie (+14,9 %). Ohne Energie und Nahrungsmittel („Kerninflation“) lag die Rate bei 2,4 %. Für Oktober 2026 schätzt Destatis vorläufig 2,8 % (Kerninflation 2,1 %; endgültige Zahl am 11.11.2026).

Warum die EZB genau 2 % will

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Auftrag, den Wert des Euro stabil zu halten. Ihr Ziel: 2 % Inflation im Mittel über die mittlere Frist – nicht 0 %. Ein kleiner Preisanstieg gilt als Puffer gegen das Gegenteil, die Deflation, bei der Preise fallen und alle mit dem Kaufen warten. Seit 2021 ist das Ziel ausdrücklich symmetrisch: Zu wenig Inflation ist genauso unerwünscht wie zu viel.

Ihr wichtigstes Werkzeug ist der Leitzins. Für Sparer zählt vor allem der Einlagensatz – der Zins, den Banken bekommen, wenn sie Geld bei der EZB parken. Er liegt seit dem 16. September 2026 bei 2,50 % (nach 2,25 % seit Juni 2026); am 29. Oktober 2026 hat die EZB die Zinsen unverändert gelassen, die nächste Entscheidung fällt am 17. Dezember 2026. Steigt dieser Satz, geben Banken meist höhere Sparzinsen weiter – aber auch Kredite werden teurer. Sinkt er, umgekehrt. Mehr zur Rolle der Zentralbank liest du in Wie unser Geldsystem funktioniert.

Realzins: Die Zahl, die auf keinem Kontoauszug steht

Der Zins auf deinem Konto ist der Nominalzins. Was du wirklich an Kaufkraft gewinnst oder verlierst, zeigt der Realzins:

Realzins ≈ Nominalzins − Inflationsrate

Beispiel: 2 % Zins bei 3,3 % Inflation ergibt rund −1,3 % real. Dein Kontostand wächst, aber du kannst dir am Ende des Jahres weniger kaufen als am Anfang. Die Formel ist eine Näherung; genau gerechnet sind es −1,26 %, die Richtung ist aber dieselbe.

Deshalb gilt: Ein Sparzins ist erst dann ein echter Gewinn, wenn er über der Inflationsrate liegt.

Zinseszins und die 72er-Regel

Der Zinseszins ist der Effekt, dass Zinsen auf bereits erhaltene Zinsen fließen – wie ein Schneeball, der beim Rollen wächst:

Startbetrag Zins nach 10 Jahren nach 20 Jahren
1.000 € 2 % 1.219 € 1.486 €
1.000 € 3 % 1.344 € 1.806 €

Eine Faustregel dafür ist die 72er-Regel: Teile 72 durch den Zinssatz, und du bekommst ungefähr die Jahre, bis sich ein Betrag verdoppelt. Bei 3 % sind das 72 ÷ 3 = 24 Jahre (genau: 23,4).

Das Tückische: Die Regel funktioniert auch rückwärts – für die Inflation. Bei 2 % Inflation hat sich die Kaufkraft deines Geldes nach 72 ÷ 2 = 36 Jahren halbiert, bei 3 % schon nach 24 Jahren.

Kaufkraftverlust in Zahlen

So viel kannst du mit heute 10.000 € später noch kaufen, wenn das Geld unverzinst liegen bleibt:

Inflation pro Jahr nach 10 Jahren nach 20 Jahren
2 % (EZB-Ziel) ca. 8.200 € (−18 %) ca. 6.730 € (−33 %)
3 % ca. 7.440 € (−26 %) ca. 5.540 € (−45 %)

Das sind keine Prognosen, sondern reine Rechnung. Ob die Inflation künftig bei 2, 3 oder ganz woanders liegt, weiß niemand.

Sparbuch, Tagesgeld, Festgeld – die Begriffe

  • Sparbuch: klassisches Sparkonto, meist mit Kündigungsfrist und sehr niedrigem Zins.
  • Tagesgeld: Konto mit täglicher Verfügbarkeit, variabler Zins – er kann jederzeit steigen oder sinken.
  • Festgeld: fester Zins für eine feste Laufzeit, in der Zeit kommst du nicht ans Geld.

Alle drei fallen unter die gesetzliche Einlagensicherung: Geht die Bank pleite, sind bis zu 100.000 € pro Person und Bank geschützt (§ 8 EinSiG). Bei Gemeinschaftskonten gilt der Betrag pro Kontoinhaber, in besonderen Lebenslagen (z. B. frisches Geld aus einem Hausverkauf) für sechs Monate bis zu 500.000 €.

Was diese Produkte nicht absichern, ist die Kaufkraft. Genau das zeigt der Realzins: Sicherheit vor Bankpleite und Sicherheit vor Inflation sind zwei verschiedene Dinge.

Warum „nur sparen“ rechnerisch Kaufkraft kostet

Die Verbraucherzentrale rechnet es so vor: 1.000 € zehn Jahre lang zu 1 % angelegt werden nominal gut 1.100 €. Bei 2 % Inflation haben sie am Ende aber nur noch eine Kaufkraft von etwa 906 €. Unter dem Kopfkissen wären es etwa 820 € Kaufkraft.

Das ist keine Aussage dafür oder dagegen, wie du dein Geld anlegen sollst – es ist Mathematik. Eine Sicherheitsreserve für Notfälle gehört auf ein jederzeit verfügbares Konto, auch wenn sie dort real schrumpft; das ist der Preis für die Verfügbarkeit. Alles darüber hinaus ist eine persönliche Entscheidung mit vielen Faktoren: Zeithorizont, Risikobereitschaft, Ziele. Ob und was für dich passt, klärst du mit einem dafür zugelassenen Berater.

So gehst du vor

  1. Eigene Inflationsrate schätzen: Welche Ausgaben machen bei dir den Löwenanteil aus? Miete, Energie, Mobilität? Dort schlägt die Teuerung bei dir zu.
  2. Realzins ausrechnen: Zins auf deinem Konto minus aktuelle Inflationsrate. Steht ein Minus davor, verlierst du real.
  3. Notgroschen festlegen: Zwei bis drei Monatsausgaben jederzeit verfügbar – und bewusst akzeptieren, dass dieser Teil Kaufkraft verliert.
  4. Einlagensicherung prüfen: Beträge über 100.000 € bei einer Bank sind nur freiwillig über Bankenverbände gesichert.
  5. Rest einordnen lassen: Für alles, was über die Reserve hinausgeht, hilft ein zugelassener Berater, der die Erlaubnis für Anlageberatung hat.

Allgemeine Information, keine Rechts-, Steuer- oder Anlageberatung. Quellen: Statistisches Bundesamt (Pressemitteilung Nr. 364 vom 13.10.2026, Verbraucherpreisindex), Europäische Zentralbank (geldpolitische Strategie 2021, EZB-Leitzinsen, Beschluss 29.10.2026), Einlagensicherungsgesetz (§ 8 EinSiG), Verbraucherzentrale (Geldanlage und Inflation, Stand 26.01.2026) – Stand Oktober 2026. Wenn du wissen willst, was die Zahlen für deine Situation bedeuten: Schreib mir – ich erkläre dir die Rechnung an deinem Beispiel.